
Die Schönheit der Vergänglichkeit in der Stadt der Tempel
Angkor Thom, ein Wunderwerk der Weltgeschichte und Herz und Seele des kleinen südostasiatischen Landes Kambodscha ist jeweils im Januar Austragungsort eines international bekannten Laufevents, des Ultra Trail d’Angkor. Neben den zwei Millionen Besuchern, die alljährlich die Tempelanlagen besichtigen, wirkt das Starterfeld von knapp 2‘000 Teilnehmern eher bescheiden. Die Dimensionen der antiken Welt des alten Königreiches der Khmer lassen sich auf den sechs unterschiedlichsten Distanzen, von acht bis hin zu einhundert Kilometern auch nicht wirklich begreifen. Und doch gibt die Veranstaltung einen reichhaltigen Einblick in die Geschichte der jahrhundertelang vergessenen Hochkultur. Selbst im Laufschritt atmet man sich mit den Protagonisten der Filmklassiker Tomb Raider und Indiana Jones durch die omnipräsente, historische Kulissenlandschaft.
Geschichte satt
Seit 2016 veranstaltet der Franzose Jean-Claude le Cornec dieses Event an den historischen Stätten. Selbst früher Ultraläufer hatte er eine Vision. Anstatt monoton durch die Landschaft zu hetzen, strebte er nach etwas Aussergewöhnlichen – einer Mischung aus Wettkampf und Sightseeing. Und diese Idee geht beim Ultra Trail d‘Angkor vollends auf. Weltbekannte Tempelanlagen wie der Bayon Temple, Prasat Kravan, Prasat Ta Som oder Phnom Bok tauchen fast zufällig am Wegesrand auf. Kulturgüter und verborgene Schätze im vorbeirennen. Eingebettet in den wilden Dschungel. Eine beeindruckende Szenerie – seine Vision könnte kaum eindrucksvoller verwirklicht werden.
Der Start auf die beiden langen Strecken erfolgt noch vor Tagesanbruch auf der Elefantenterrasse. Steinerne Darstellungen von Elefanten aus dem 13. Jahrhundert gaben dem Platz seinen Namen. Für die Skulpturen haben die Läufer kein Auge übrig. Aufgeregt und voller Vorfreude die letzten Vorbereitungen treffend, wuseln sie eifrig umher. Start ist für vier Uhr morgens angesetzt. Habe ich eine Strategie? Genuss ist wohl ganz oben auf der imaginären Liste. Irgendwo taucht dann aber auch der Gedanke auf, den ersten Teil der Strecke schnell anzugehen. Und tatsächlich – die ersten Kilometer fliegen förmlich dahin, während die alten Tempelruinen der im Jahre 1431 verlassenen Stadt im Dämmerlicht geheimnisvoll leuchten. Die Morgenluft ist noch kühl, doch die tropische Hitze lauert bereits am Horizont. Schritt für Schritt führt die Route durch dichte Dschungelpfade, vorbei an uralten Steinfiguren, deren Augen die Läufer argwöhnisch beobachten.
Sobald die Sonne als roter Feuerball am Horizont auftaucht, werden die Schritte schwerer, der Atem flacher. Den ersten und einzigen Anstieg gilt zu bewältigen. Er stellt eher Abwechslung als Herausforderung dar. Auf den gesamten 100 Kilometer warten nur 430 Höhenmeter – Kletterkünstler sind hier fehl am Platze.
Klimatischer Gegensatz zum europäischen Winter
Der europäische Winter, der dir gerade noch das Gefühl von Frische und klarer Luft gab, erscheint jetzt weit entfernt. Spürbar ist einzig die drückende Wärme der tropischen Sonne auf der Haut. Der Luftfeuchtigkeit, die die Läufer umhüllt, ist kaum zu entkommen. Die sengende Sonne verstärkt das Gefühl, als würde deine Energie von der Hitze aufgesogen. Und es ist erst Morgen, der bevorstehende Tag bereitet sich klimatisch gerade auf Extreme vor.
Genau das macht den Reiz bei solch einer Flucht aus dem Alltag aus. Wir suchen oft das polarisierende, ständig auf der Suche nach Abwechslung. Im Sommer fliehen wir in die kühlenden Berge und wenn es eisig zu Hause wird, lockt eine warme Destination umso mehr.
Eine gewisse Befreiung ist spürbar – der Winter, den viele mit Kälte und Dunkelheit assoziieren, hat in dieser tropischen Umgebung keine Macht. Es ist ein Gefühl von völliger Andersartigkeit, ein fast Surreales, dass bewusst macht, wie glücklich wir uns mit unseren Jahreszeiten und der Abwechslung schätzen können. Wir nehmen diese klimatischen Wechsel als selbstverständlich hin. Ein Gefühl der Wertschätzung durchströmt meinen Körper und Geist, als ich realisiere, dass uns die Möglichkeit zur Wahl gegeben ist. Lauffreunde aus heissen Gefilden beneiden uns um diese Vielfalt.
Warum ich mir das immer wieder antue? Also diese überlangen Distanzen und dann noch zu absolut unmöglichen klimatischen Bedingungen? In Ländern, in denen so viel passieren kann in Bezug auf Ernährungsgewohnheiten, Hygiene oder Sicherheit? Und dann dieser zusätzliche Reisestress! Diese Fragen stelle ich mir nicht. Oder besser: sie stellen sich mir nicht. Reisen in ferne Länder, eintauchen in andere Kulturen, Gegensätze zum Alltag und Herausforderungen über das übliche Mass hinaus gehören zu meinem Leben. Was für andere der Druck aufs Gaspedal in einem Sportwagen auf der Autobahn oder wieder andere das temporäre Leben in einem Wohnmobil ist, sind für mich diese Abenteuer, Freiheit und das Überwinden von Momenten, in denen der Körper und Geist fast am Limit sind, die wahre Essenz des Lebens – sie halten mich lebendig, motivieren mich und vermitteln mir ein tiefes Gefühl der Demut. Inmitten all der Strapazen gibt es immer diese magischen Momente: der Augenblick, in dem ich die Natur in ihrer vollen, rohen Schönheit erlebe, das Gefühl, völlig eins mit der Umgebung zu sein, und das Wissen, dass ich an einem Ort bin, den eine spezielle Charakteristik ausmacht. Es sind diese Erfahrungen, die mich immer wieder antreiben und die für mich mehr wiegen als die Erschöpfung oder der Stress.
Atemnot im Freiluftmuseum
Die Magie des Ortes trägt weiter. Jeder Blick auf die monumentalen Tempelwände erzählt Geschichten von Kriegern und Göttern, von Zeit und Vergänglichkeit. Ein Lauf durch die Tempelanlagen von Angkor Thom ist wie ein Sprung durch Jahrhunderte. Ein Erlebnis, das sich anfühlt, als würde man in einem lebendigen Freiluftmuseum laufen. Jeder Schritt führt einen tiefer in das majestätische Erbe der Khmer-Kultur, vorbei an beeindruckenden Steinmonumenten, die von menschlicher Hingabe und Kunstfertigkeit zeugen. Die Tempel, die von der Natur langsam zurückerobert werden, bieten einen faszinierenden Kontrast zwischen Architektur und Dschungel. Riesige Wurzeln schlängeln sich durch die Mauern, als wollten sie das mystische Erbe beschützen. Die Steine sind längst zu einer untrennbaren Einheit mit den mächtigen Bäumen verschmolzen – eine symbiotische Abhängigkeit, in der keiner mehr ohne den anderen existieren kann.
Der Tiefgang des eigenen Atems vermischt sich mit dem zarten Rauschen der Blätter und den vereinzelten Rufen von Vögeln. Während sich die Läuferschar zwischen den monumentalen Strukturen hindurchschlängelt, verharrt die Umgebung in ruhiger Gelassenheit. In der Stille des Augenblick scheint es fast, als ob die Steine selbst Anekdoten flüstern. Von alten Ritualen, Kriegen und dem Aufstieg und Fall eines einst mächtigen Reiches. Die Sonne beginnt, die Steine in goldenes Licht zu tauchen. Eine fast ehrfürchtige Verbindung zu diesem historischen Ort ist spürbar, der nicht nur durch seine Architektur beeindruckt, sondern auch durch seine spirituelle Präsenz.
Newsletter Anmeldung
Bleib auf dem Laufenden! Mit unserem Newsletter erhältst du die aktuellen Informationen rund um die Themen Reisen, Sport und ungewöhnliche Wettkämpfe.Jeder Meter auf dem staubigen Pfad ist ein Erinnerungsstück an die Jahrhunderte der Geschichte, die hier in den Mauern eingeschlossen sind. Der Pfad windet sich über verwurzelten Waldboden. Die knorrigen Äste greifen nach den Füssen, als wollten sie sie festhalten. Festhalten in einer Zeit, die längst vergangen ist, doch in den Schatten der Bäume weiterlebt. Der Lauf fühlt sich an, als ob man nicht nur die physische Distanz zurücklegt, sondern auch einen Ausflug durch die Epochen. Beginnend in der alten Welt der Khmer bis zu dem modernen Wunder, das die Ruinen von Angkor heute sind. Der Ultra Trail d’Angkor ist somit nicht nur ein sportlicher Akt, sondern eine Zeitreise, der die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen lässt.
Andere Länder, andere Prioritäten
Eine Laufreise bietet aber mehr als nur die Erkundung von Landschaften und Sehenswürdigkeiten. Die Interaktion mit Menschen in fremden Gegenden macht es spannend. Mal über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Was treibt Läufer in anderen Ländern an, die Laufschuhe zu schnüren?
In Kambodscha spürt man in der aufstrebenden Laufcommunity noch einen Pioniergeist. Erst seit der Pandemie nutzten viele die Möglichkeit, Zeit im Freien zu verbringen. Die positiven Vorzüge unserer Lieblings-Freizeit-Aktivität schätzend, hat sich daraus eine Gemeinschaft entwickelt, die intern über das Jahr verteilt kleine, lokale Laufevents veranstaltet. Simpel, manchmal ein sechs Stunden Lauf durch die Strassen der Städte oder ein Fun Run auf einen der wenigen Berge des Landes. Immer mit dabei: ein breites Lächeln. Spass steht an erster Stelle.
In den Gesprächen mit den lokalen Teilnehmern wird eine wichtige Erkenntnis deutlich: In einem Land wie Kambodscha ist Sport nach wie vor allem ein Privileg der Oberschicht. Für diejenigen, die ums tägliche Überleben kämpfen, bleibt keine Zeit für Freizeitaktivitäten wie Laufen, Fitness oder andere sportliche Betätigungen. Sport ist hier ein Luxus, den sich nur diejenigen leisten können, die ihre Grundbedürfnisse bereits gedeckt haben und über ausreichend freie Zeit und Ressourcen verfügen. Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, wie zufrieden wir uns schätzen können, Zeit für Sport oder andere Freizeitaktivitäten als alltäglich und selbstverständlich anzunehmen. Ab und zu mit Demut und Dankbarkeit darauf zu blicken, kann nicht schaden. Nicht jeder hat die Freiheit, sich solche Erlebnisse zu gönnen, und oft ist es harte Arbeit, die den Alltag der Menschen bestimmt. Ein Moment des Innehaltens kann uns daran erinnern, wie viel Glück wir haben, und uns gleichzeitig eine tiefere Wertschätzung für die Mühen anderer geben.
Der erste einheimische Läufer wagte sich übrigens erst bei der dritten Austragung 2019 an die längste Distanz. Bei der diesjährigen Ausgabe sahen bereits 40 Kambodschaner die Zielflagge, darunter erstmalig sechs Frauen. Ein Novum für ein Land, das läuferisch noch in den Kinderschuhen steckt.
Leiden auf hohem Genusslevel
Nach 64 Kilometern wird der Zielbogen zum ersten Mal durchschritten. Die Teilnehmer des Bayon Trail Angkor sind hier bereits am Ende ihrer Erkundungsreise angekommen. Für Läufer der längeren Distanz stellt dieser lebendige Platz einzig Zwischenstation dar. Verpflegung in Form von Nudelsuppen und Früchten wartet, bevor es auf die finale, ruhigere Runde geht. Das Teilnehmerfeld dünnt sich aus. Die verbliebenen einhundert Laufbegeisterten verteilen sich schnell. Einsamkeit und Beschäftigung mit sich selbst ist auf dem weniger attraktiven Streckenabschnitt angesagt. Willkommen in der Welt des Ultralaufes!
Mindfulness für Läufer
Mindfulness für Läufer ist mehr als ein Ratgeber – es ist eine Reise zur Verbesserung der mentalen und emotionalen Leistungsfähigkeit durch die Anwendung von Achtsamkeitspraktiken. Dieses Buch nimmt Laufbegeisterte mit auf eine spannende Entdeckungsreise, die die wechselseitige Beziehung zwischen Laufen und Bewusstsein beleuchtet. Veröffentlichung 21.04.2025Der Schweiss rinnt in Bächen über das Gesicht, mischt sich mit Staub und Schmutz. In der sengenden Mittagshitze beginnt die Welt zu verschwimmen. Körper und Geist bestimmen, was möglich ist. Zermürbend ziehen sich die endlosen, tiefrot getünchten Schotterpisten in die Ferne. Doch dann erscheint ein Lächeln vor dem inneren Auge – das Lächeln der Menschen am Streckenrand, die Hände zusammengelegt zum traditionellen Sampeah-Gruss, voller Respekt und Ermutigung. Ihre Rufe hallen nach: „Sok Sabay? Su su!“ (Wie geht es dir? Bleib stark!)
Mit jedem Schritt wächst die Entschlossenheit. Es ist mehr als nur ein Rennen. Es ist ein Tanz mit der Geschichte, ein Dialog mit den Geistern der Vergangenheit. Und als die letzte Tempelmauer passiert ist und die Ziellinie in Sicht kommt, mischt sich Erschöpfung mit Ehrfurcht und unbändiger Freude. Was bleibt, ist ein Blick zurück auf ein einzigartiges Erlebnis, während die Welt im Rausch des Sieges über sich selbst in Dankbarkeit verschwimmt.
Nächste Austragung
24.-25. Januar 2026
Webseite
https://ultratrail-angkor.com/?lang=en
Distanzen
100km – Angkor Ultra Trail
64 km – Bayon Trail Angkor
42 km – Marathon Trail d’Angkor
32 km – Jungle Trail Angkor
18 km – Temple Run Angkor
18 km – Nordic-Walk Angkor
18 km – Walking & Hiking Angkor (ohne Wertung)
8 km – Elephant Trail Angkor
Photo Credits «Ultra Trail d’Angkor» und «ACTREME»
0
Schreiben Sie einen Kommentar